Moralia I

Aus alter Zeit:
• DIE REVOLUTION IN L •

Orietur Occidens

Abtreibung

Mittwoch, 18. Mai 2005

Ich habe den Rabbi gefragt

Die Erregung und die Diskussion um Kardinal Meißners Dreikönigspredigt hatten am Anfang gestanden: schließlich habe ich den Rabbi gefragt. Das geht, über «www.chabad.org», wenn auch nur auf Englisch. Also habe ich meine Englischkenntnisse zusammengenommen und etwa so ge­fragt:
— Deutsche jüdische Instanzen meinen, Abtreibung sei kein so schweres Vergehen, weil das menschliche Leben erst mit der Geburt beginne.
Was sagen Sie dazu?
Hier die Antwort:

Schalom,
G-tt verbiete!
Wer entscheidet, wer Mensch ist oder nicht?
Es ist Deutschland, das vor vielen Jahren entschied, daß Juden keine Menschen wären und sie ermordet werden könnten.
Jüdische Tradition hält standhaft daran fest, daß man keine Abtreibung durchführen darf, außer wenn es gefährlich für die Mutter wird.
Ihnen einen guten Tag,
Rabbi Z.
chabad.org
Danke, Rabbi!
Siehe auch: • W.H.W: Abtreibung •
W.H.W

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Orietur Occidens

Freitag, 8. Juli 2005

Gerechtigkeit vor Gericht

Zwei schwerverdauliche Urteile aus Luxemburg an einem Tag.
Bisher kennen Österreichs Universitäten keinen Numerus clausus. Ausländische Studenten aber werden nur immatrikuliert, wenn sie die Zugangsvoraussetzungen ihrer Heimat erfüllen. Indem so die Heerscharen daheim abgelehnter Bundesdeutscher kanalisiert werden, bleiben die österreichischen Fakultäten offen für österreichische Studenten.
Das nun verbietet, auf eine Klage der EU-Kommision hin, der Europäische Gerichtshof – es verstieße gegen die Freizügigkeit.
Dieses Urteil ist unsozial – es beschneidet die Möglichkeit Österreichs, seinen Maturanten ein Studium zu ermöglichen; denn Österreich kann offensichtlich durchaus für seine Landsleute aus­reichend Studienplätze schaffen, aber sicher nicht für all die anderen interessierten Europäer noch dazu.
Es ist darüber hinaus ungerecht: Österreich wird verpflichtet, Ausländern etwas zu bieten, was deren Staaten nicht einmal den eigenen Bürgern zugestehen. So wird von Österreich Un­gleichheit zuungunsten Österreichs gefordert. Zudem wird die Subsidiarität verletzt.
Das Prinzip der Subsidiarität gehört zur Gerechtigkeit: jede Gemeinschaft, von der Familie bis zum Staat, hat das Recht, den eigenen Angehörige Gutes zu tun und dieses Gute auch auf ihre Angehörigen zu beschränken; denn man kann nicht erwarten, daß ihre Möglichkeiten es erlau­ben, auch noch ganz viele andere damit zu versorgen. Die übergeordnete Gemeinschaft – hier die Europäische Union – hätte das Recht, dieses Gute auch anderen zu ermöglichen, aber auf eigene Kosten; keineswegs darf sie die Kosten dem aufbürden, der mit dem Guten begonnen hat. Der nämlich – in diesem Falle Österreich — wäre dadurch überfordert, wird also letztlich daran gehindert, das Gute zu tun.
Derselbe Gerichtshof verpflichtet die Bundesrepublik Deutschland, einer hier lebenden türkischen Studentin Ausbildungsförderung zu zahlen für ein Studienjahr in der Türkei.
Gerecht ist dieses Urteil nur, wenn auch die Türkei gehalten ist, dort lebenden Deutschen für Studienjahre in Bundesdeutschland Ausbildungsförderung zu bezahlen.
Ob die Türkei überhaupt Ausbildungsförderung zahlt, weiß ich nicht; es ist auch unerheblich: hier greift wiederum das Prinzip der Subsidiarität. Auch für andere zu sorgen, dazu kann eine Gemeinschaft nur gehalten sein, wenn Gegenseitigkeit gewährleistet ist.
Siehe auch: • W.H.W: Gerechtigkeit (E&E 7/02) •
W.H.W

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Mittwoch, 8. Februar 2006

Gewissensfreiheit in der Slovakei

Die slovakischen Christdemokraten verlassen die Regierungskoalition, so lese ich in der tages­zeitung, weil diese nicht bereit ist, eine schon seit langem ausgehandelte Vertragsklausel mit dem Vatikan zu ratifizieren. Diese Klausel hätte es Katholiken erlaubt, abzulehnen, was ihrem Gewissen widerspricht. So dürften Ärzte beispielsweise Abtreibungen, Arbeiter Sonntagsarbeit ablehnen. Schlecht findet der Ministerpräsident diese Klausel.
Gewissensfreiheit und Glaubensfreiheit findet also der slovakische Ministerpräsident schlecht; er weigert sich, sie zuzugestehen. Wen erregt das in unserer so skandalisierungsfreudigen Öffent­lichkeit?
Ich warte.
W.H.W

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Samstag, 4. März 2006

Persönlichkeitsrechte der modernen Zeit

Ein Oberlandesgericht hat einen Film verboten, der einen Menschenfresser am Werk zeigte. Auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Jedoch: nicht etwa wegen Gewaltverherrlichung oder -verharmlosung, nicht wegen kommerzieller Blutrunst ist der Film verboten worden, sondern – der Kannibale selbst (trotz der Erleuchtung der neuen Ethnologie der 80er Jahre, so etwas habe es gar nicht gegeben: ihn gibt es wirklich!) hatte geklagt: die Darstellung greife in seine Persön­lichkeitsrechte ein; und das Gericht hat ihm recht gegeben – diese Persönlichkeitsrechte haben Vorrang vor der Kunstfreiheit. Nicht, weil der Film das Geschehen verzerrt hätte, nein, weil er es ganz naturalistisch zeigt.
Seit vielen Wochen kocht der Aufruhr von Muslimen gegen die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung hoch. Die westliche Öffentlichkeit hält begeistert die Fahne der Pressefreiheit hoch, und der dänische Ministerpräsident versucht zu begütigen, indem er Öl ins Feuer schüttet. Es geht ihm und dem ganzen Chor ums Prinzip, nicht etwa darum, daß nur die konkreten Geset­ze unzureichend sind, die Ehre Mohammeds zu schützen.
Daß es um die Meinungsfreiheit gehe, leuchtet nicht ein: nach dem, was ich von den Karikaturen gesehen und gehört habe, geht es nicht um Meinung, ebensowenig um Kunst, sondern nur um schlichte Diffamierung.
Daß die Persönlichkeitsrechte eines Kannibalen auch bei eher realistischer Darstellung Vorrang haben vor der Kunstfreiheit;
daß die Persönlichkeitsrechte Mohammeds (als Christ sympathisiere ich mit ihm in keiner Weise; aber ich bringe es doch nicht über mich, ihn mit jener Gestalt in einem Absatz unterzu­bringen) dagegen auch bei entstellender Darstellung der Pressefreiheit weichen müssen:
wer könnte das einem Muslim verständlich machen?
W.H.W

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Mein Rechtschreibprogramm

Gerade, da ich über die Persönlichkeitsrechte Mohammeds und ganz anderer Leute schreibe, stelle ich fest, daß mein Rechtschreibprogramm das Wort «Muslim» moniert. Ich sehe nach, welche Alternative es bietet: «Müsli»!
W.H.W

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Mittwoch, 8. März 2006

Das Lebensrecht von Kindern

Eine Engländerin klagte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte darum, sich einen tiefgefrorenen Embryo einpflanzen lassen zu dürfen, den sie einige Zeit zuvor durch künstliche Befruchtung – wie soll ich sagen – empfangen? gezeugt? hatte. Der Vater des Kindes protestierte; und dazu gibt ihm das englische Recht die Vollmacht. Der Europäische Gerichtshof bestätigte sein Recht darauf: das Kind darf nicht ausgetragen werden.
Das das Recht der Frau auf den eigenen Bauch dem Lebensrecht des Kindes übergeordnet wird, ist längst nicht mehr neu. Nun aber erfahren wir, daß in Europa ein Kind die Zustimmung beider Eltern braucht, um leben zu dürfen.
W.H.W

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Mittwoch, 3. Mai 2006

Eltern und Politiker

Das Erziehungsgeld oder «Elterngeld» wird neu geregelt. Dabei finden sich nebeneinander ein Skandal und eine Kuriosität. Der Skandal – daß für die Ärmsten die Zuwendung stark gekürzt wird, für die Bessergestellten aber erhöht – wurde schon von vielen bemerkt. Auf die Kuriosität sei nun hingewiesen.
Zwölf Monate lang kann einer der Eltern Elterngeld beziehen, für zwei weitere Monate wird es gezahlt, wenn der andere der beiden dann einspringt. Die Bedingungen sind so gestaltet, daß nur in wenigen Fällen es dem Elternpaar unmöglich sein wird, auch das Geld für diese Monate mitzunehmen – das wäre der Fall, wenn einer der beiden völlig erziehungsunfähig ist. Insofern ist wenig gegen diese Regelung zu sagen.
Kurios aber ist, daß hier eine Leistung ins Sozialrecht gelangt, die nicht im Wohl der Empfänger begründet ist, weder im Kindeswohl noch in einer Förderung der Autonomie der Familie, sondern ausschließlich der Verwirklichung von Politikerideen dient.
W.H.W

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Mittwoch, 3. Mai 2006

Liebe in den Zeiten des Antidiskriminierungsgesetzes

Vier Freunde – nennen wir sie Cyprian, Caecilia, Perpetua und Polycarp. Cyprian und Caecilia lieben einander, ebenso Perpetua und Polycarp. Sie haben ihr Studium gerade beendet, möchten Arbeit finden. Was tun?
Sie machen einen längeren Urlaub in einem Nachbarland, das ein menschenfreundlicheres Personenstandsgesetz hat als das unsere. Dort heiraten Cyprian und Caecilia kirchlich – nur kirchlich, ebenso Perpetua und Polycarp.
Zurück in Bundesdeutschland, sucht sich Cyprian mit Caecilia eine Wohnung, Perpetua mit Polycarp. Als Hauptwohnsitz nimmt allerdings zunächst Polycarp Cyprians Wohnung, Caecilia Perpetuas. Dann lassen Cyprian und Polycarp standesamtlich eine Lebenspartnerschaft eintra­gen, ebenso Caecilia und Perpetua. Wenn die vier fortan bei Bewerbungen deutlich genug auf ihre gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft hinweisen, dürfen sie dank des Antidiskriminierungs­gesetzes auch in unserer Zeit auf angemessene Anstellung hoffen.
Sie haben nichts Ungesetzliches getan, nicht einmal eine Unwahrheit gesagt, auch niemandem geschadet, nur ihre gesetzlichen Rechte genutzt. Nichts hindert sie, wenn sie dann in Amt und Würden sind, ihre Wohnsituation und ihre personenstandsrechtliche Situation ihren persönli­chen Neigungen anzupassen.
W.H.W

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Montag, 10., Donnerstag, 13. April, Donnerstag, 4. Mai 2006

Sozialabbau: Die Täter

Nachricht vom 13. April: Das Hessische Sozialgericht hat entschieden, daß Arbeitslose zu hoch berechnetes Arbeitslosengeld zurückzahlen müssen, auch wenn es das Arbeitsamt (oder wie das gerade heißen mag) war, das sich verrechnet hat. Klar: Verantwortung – «Eigenverantwortung» – verlangt man von den Bürgern, nicht von den Behörden.
Nachricht vom 4. Mai: An den Arbeitslosen soll weiter gespart werden; wer etwa Zwangsarbeit verweigert, erhält künftig längerfristig einen Arbeitslosengeldsatz weit unterm Existenzminimum.
Das sind heutzutage alltägliche Nachrichten. Man begründet das üblicherweise mit der «Globalisierung», den «internationalen Märkten» und dergleichen. Mehr und mehr ist das allerdings so selbstverständlich geworden, daß man sich alle Begründung spart.
Wer ist schuld? Nun, eben jene «internationalen Märkten» und dererlei anonyme Mächte. Gelegentlich tauchen auch anonyme Institutionen in der Diskussion auf: «die WTO», «die EU». Aber es gibt nicht nur anonyme Mächte; es sind konkrete Personen, die diese Entwicklung vorantreiben, diese «Globalisierung», mit der dann jene menschenfeindlichen Maßnahmen begründet werden. Und manchmal werden auch in den Nachrichten des Tages die Täter sichtbar:
Nachricht vom 10. April: Die EU-Finanzminister, unter ihnen wortführend auch der deutsche, haben sich gegen eine Abschottung der europäischen Wirtschaft gegen den globalen Wettbewerb ausgesprochen, konkret gegen die Versuche der spanischen und französischen Regierungen, heimische Versorger zu schützen.
Eine Regierung, die so handelt, kann keine äußeren Zwänge für Sozialabbau verantwortlich machen.
W.H.W

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Dienstag, 22. August 2006

Freiheit und Gerechtigkeit

Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität fordert auf einem Parteikongreß die deutsche Bundeskanzlerin als Grundwerte ihrer Partei. Für diese Grundwerte gebe es keine Hierarchie.
Aber eine Reihenfolge gibt sie ihnen schon. Was ist eigentlich die «Freiheit», die an erster Stelle steht?
Am meisten Freiheit ist in einer Diktatur verwirklicht, wo der Diktator fast vollkommene Freiheit genießt. Aber solche Freiheit wäre als politische Forderung schwerlich denkbar. Es kann sich hier nur um Freiheit für alle handeln. Da aber vollkommene Freiheit des einen die Freiheit des anderen einschränkt, kann es bei einem politischen Ideal nur um Freiheit gehen, die so begrenzt ist, daß die Freiheit des einen den anderen nicht beeinträchtigt.
Das aber bedeutet Gerechtigkeit in der Zumessung von Freiheit. Also ist Gerechtigkeit notwendigerweise das vorrangige Ideal.
Was heißt Freiheit nun konkret? – Unter anderem, daß ungeachtet ihres wirtschaftlichen Erfolges allen Menschen ihre Freiheitsrechte zugebilligt werden, etwa das Recht auf freie Wahl des Berufs und des Wohnorts, darüber hinaus das Recht auf ein Einkommen, das zur freien Gestaltung des Lebens ausreicht (soweit diese jedermann ermöglicht werden kann – im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit) – also all das, was durch die «Agenda 2010» des vergangenen Kanzlers empfindlich eingeschränkt worden ist. Daß die Kanzlerin auf demselben Parteikongreß ihren Vorgänger für ebendiese «Agenda 2010» lobt und so klar allen Versuchen in ihrer Partei widerspricht, vom marktradikalen Kurs wegzusteuern, nimmt ihrem Bekenntnis zu Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität die Glaubwürdigkeit.
Letztlich leben wir dank dem Wirtschaftsliberalismus in einer Zeit ganz reduzierter wirtschaftlicher Freiheit: die wirtschaftlichen Großmächte beschränken die Freiheit des Privatmanns, der als Arbeitnehmer ihrem Einsparungsdruck unterworfen ist, die des Kleingewerbetreibenden, der ihrer Konkurrenz ausgesetzt ist, und ebenso die der Politiker, die sich dem freien Markt ausgeliefert haben. Aber auch mächtige Besitzer gibt es in der Zeit der Kapitalgesellschaften immer weniger; und die Angestellten, die diese Kapitalgesellschaften leiten, sind abhängig davon, daß sie schnellen Erfolg vorzuweisen haben, Erfolg, der meßbar sein muß in der Höhe des Gewinns oder des Aktienkurses. Über sie urteilen wiederum immer seltener die Besitzer, sondern leitende Angestellte anderer Unternehmen (von Banken, Fonds etc.), die der gleichen Abhängigkeit unterworfen sind.
W.H.W

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Donnerstag, 7. September 2006

Recht des Unternehmers — Recht des Gesellen

In einem bayrischen Schlachtereiunternehmen war systematisch verrottetes Fleisch verarbeitet und verkauft worden. Ein Geselle hatte das sorgsam protokolliert; seine Aufzeichnungen wurden gefunden und haben den Skandal öffentlich gemacht. Der Leitende Oberstaatsanwalt meinte, der Geselle habe einen Verdienstorden verdient.
Der Geselle wurde daraufhin vom Unternehmer entlassen, arbeitet nun nicht mehr in seinem Beruf. Ob dem Unternehmen die Zulassung entzogen werden muß, ist erst noch zu prüfen.
W.H.W

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Sonntag, 22. Oktober 2006

Ein Kardinal zieht gegen die Solidarität zu Felde

«In den letzten Jahren sind die Gewichte zwischen Solidarität und Eigenverantwortung einseitig zugunsten des Solidaritätsgedankens verschoben worden» – diesen Satz, der in Inhalt und Wortwahl («Eigenverantwortung») so deutlich neoliberales Gepräge zeigt, hat Kardinal Lehmann bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe gesagt.
Mit der – richtigen – Forderung, der Staat müsse seinen Bürgern ermöglichen, «durch ihr eigenes Handeln ihr Wohl zu erreichen», versucht er, jenen Satz mit der katholischen Soziallehre vereinbar erscheinen zu lassen. Davon aber, daß ebendas der Staat ja zur Zeit gar nicht tut, spricht er nicht. Er blendet aus, daß in unserer Zeit der forcierten Marktwirtschaft der Arbeitsmarkt längst nicht mehr allen erlaubt, «durch ihr eigenes Handeln» für sich selbst zu sorgen, daß die Konkurrenz der wirtschaftlichen Großacteure selbstständige wirtschaftliche Tätigkeit immer aussichtsloser erscheinen läßt. Er blendet die Unaufrichtigkeit aus, mit der nach höherer Qualifikation, Bildung, Ausbildung gerufen wird, während die so Qualifizierten, Gebildeten, Ausbildeten damit rechnen müssen, arbeitslos zu bleiben und zu Zwangsarbeit eingeteilt zu werden, die ihre Fähigkeiten und ihre Lebensleistung verleugnet.
In der Tat tut der Staat besser daran, seinen Bürgern zu ermöglichen, für sich selbst zu sorgen. Gelingt ihm das nicht oder versucht er das gar nicht erst, dann sind wenigstens Solidarleistungen gefordert.
W.H.W
Zu Kardinal Lehmann fällt mir ein, daß er oft im Zusammenhang im der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" genannt wird, einer vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründeten und finanzierten Lobby-Organisation, die den politischen Diskurs in Deutschland maßgeblich beeinflußt.
Ein paar Informationen dazu gibt es bei LobbyControl.
S.g

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Mittwoch, 25. Oktober 2006

Recht auf Rechtsmißbrauch

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, daß deutsche Gerichte, in Nibelungentreue zu einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, selbst bei nachgewiesenem Mißbrauch EU-Bescheinigungen anerkennen müssen. Ein deutscher Unternehmer war angeklagt worden, weil er durch ein Täuschungsmanœuvre Sozialversicherungsbeiträge für seine Angestellten umgangen hatte.
W.H.W

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Montag, 27. November 2006

Ein Erfolg gegen die Genitalverstümmelung

In Kairo hat letzten Donnerstag ein Kongreß von ‘Ulema’ (islamischen Schriftgelehrten) und Ärzten jegliche Form der Genitalverstümmelung an Frauen – die auch unter dem Euphemismus «Frauenbeschneidung» bekannt ist – für schädlich und unislamisch erklärt.
Dabei erfahre ich, daß in Ägypten heutzutage dieser Eingriff überwiegend von Ärzten vorgenommen wird. Dafür mag vorgebracht werden, daß das die gräßlichen Schmerzen verringert und ebenso die Gefahr für Leben und Gesundheit; aber dem wird – zu Recht! – entgegengehalten, daß dadurch diese furchtbare Verletzung verharmlost wird. Darum ist das hierzulande streng verboten.
Damit aber wird auch die Erlaubnis zur Abtreibung durch Ärzte gerichtet, die sich seinerzeit ebenso auf die verringerte Lebensgefahr – für die Mutter – berief.
W.H.W

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Sonntag, 3. Dezember 2006

Kampf gegen die gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände

Ich werde hingewiesen auf einen Artikel der FAZ, der mir auch bald darauf in die Hände fällt. Darin werden die gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände angegriffen – bezeichnenderweise im Wirtschaftsteil. Gegen wen es vor allem geht, zeigt schon zu Beginn der Ausdruck «Caritas & Co.».
Dort wird ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium zitiert: «Insofern sind weniger die Leistungsempfänger, sondern eher die Leistungserbringer Nutznießer der umsatzsteuerlichen Vergünstigungen». Dem pflichtet die FAZ bei; und sie sagt auch, worum es konkret geht: bei den gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden sind Löhne und Gehälter noch relativ hoch.
Hier werden also die Leistungsempfänger – die Patienten – ausgespielt gegen die Leistungserbringer – hiermit sind besonders die Arbeitnehmer der Wohlfahrtseinrichtungen gemeint. Den Patienten ginge es dieser Denkweise nach besser, wenn es denen, die sie betreuen, schlechter geht. Kampf aller gegen alle ist das Ideal, das dahinter zu erkennen ist – homo homini lupus.
Die Wirklichkeit ist anders: nicht nur mögen die Patienten rechtschaffen denkende Menschen sein, die den Arbeitern den gerechten Lohn nicht vorenthalten wollen (und so üppig, daß es den großen Arbeitsdruck ausgleichen würde, werden Pflegekräfte auch bei «Caritas & Co.» kaum bezahlt). Auch sind anständig bezahlte Menschen bei der Arbeit besser gestimmt, was gerade in der Pflege dem Patienten zugute kommt.
Und schließlich: auch viele Patienten sind Arbeitnehmer, Arbeitnehmer sind öfters auch Patienten. Letztlich ist der Kampf, zu dem hier aufgerufen wird, ein Kampf eines jeden gegen sich selbst.
W.H.W

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Dienstag, 5. Dezember2006

Der freie Markt im Alltag

Unser Hausbesitzer will uns eine neue Therme spendieren.
Nach den großflächigen und langdauernden Stromausfällen vor einem Jahr im Münsterland, nach den neuerlichen großen Stromausfällen in diesem Herbst bin ich vorsichtig geworden.
Ich frage den Handwerker, ob wir nicht eine Therme bekommen können, die man auch ohne elektrische Zündung, also notfalls so wie früher, mit dem Streichholz, anzünden kann – dann brauchen wir bei einem Stromausfall nicht im Kalten zu sitzen. Nein, erfahre ich, das gibt es nicht mehr.
Glaubt noch irgend jemand das Märchen vom Markt, der irgend etwas richten würde?
W.H.W

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Montag, 11. Dezember 2006

Europäische Werte

Die Auseinandersetzung zwischen der EU und der Türkei spitzt sich nun auf den einen entscheidenden Punkt zu: Muß die Türkei all ihre Häfen für (griechisch-) cypriotische Schiffe öffnen, oder genügt, wie es die Türkei zugesteht, ein Hafen? Dieser Frage wegen droht nun die EU, die Beitrittsverhandlungen teilweise auszusetzen.
Daß Christen in der Türkei unterdrückt werden,
daß sie darin behindert werden, ihre Kinder ihre Sprache und Schrift – aramäisch etwa oder armenisch – zu lehren,
daß die Kirchen keinen Rechtsstatus haben, der es ihnen ermöglicht, ihr Eigentum an den Kirchengebäuden zu behaupten,
daß ihnen Priesterausbildung weitgehend unmöglich gemacht wird,
daß der Patriarch von Konstantinopel gehindert wird, sein Amt als Ökumenischer Patriarch auszuüben
— das alles spielt keine vergleichbar große Rolle.

Was sind für die EU «europäische Werte»?

W.H.W

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Dienstag, 2. Januar 2007

Was ist kirchenfeindlich?

Seit letztem Jahr liegt die Ordnung der Ladenschlußzeiten bei den Ländern. Der Sonntag allerdings bleibt ausgenommen, bleibt (abgesehen von notwendigen und vor allem von unnötigen Ausnahmen) verkaufsfrei. Das ist kirchenfreundlich, das ist familienfreundlich, das ist menschenfreundlich.
Nun haben die Länder zugeschlagen: In der Hansestadt, in der ich wohne, dürfen nun – wie in vielen anderen Bundesländern – die Läden rund um die Uhr geöffnet sein: das haben die Länder entschieden. Schutzbestimmungen, für Mütter etwa, gibt es nicht: das sollen die Tarifparteien entscheiden. Die Arbeitgeber allerdings haben die Tarifverträge gekündigt, nicht etwa um solche Schutzbestimmungen einzuführen, sondern um die «Zeitgutschriften» für Nachtarbeit abzuschaffen.
Wo die Kirche nicht direkt betroffen scheint, gibt der Bund den Ländern die Macht. Die treffen die Entscheidungen, die den Menschen schaden; Entscheidungen, die den Menschen nützen könnten, überlassen sie den Tarifparteien, welche jedoch gar nicht für alle verbindlich entscheiden können und keine Hoffnung machen auf eine gute Lösung.
Das ist familienfeindlich, das ist menschenfeindlich. Was aber familienfeindlich und menschenfeindlich ist, das ist auch kirchenfeindlich. «Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt ...»
W.H.W

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Mittwoch, 17. Januar 2007

Neues vom Großneumarkt

Als ich mein Obst verpacke, ist gerade einmal etwas Zeit zum Plaudern. Er könnte ja auch mehr produzieren, erklärt mir der Apfelbauer, aber dann wäre er mehr auf den Handel angewiesen; dann müßte er, um in die Güteklasse I zu kommen, die Äpfel mehr treiben lassen, größer werden lassen. Außerdem müßte er dann viel mehr spritzen, damit das Obst fleckenlos wird. Ich sehe mich um und entdecke keine Insektenschäden an seinem Obst. Aber für Güteklasse I reicht das trotzdem nicht. Und er erzählt von Müttern, die sein Obst ablehnen, weil ihr Kind so etwas nicht esse. Ich kaufe bei ihm seit mehr als zehn Jahren; sein Obst ist untadelig und köstlich, freilich nicht frisch lackiert.
Verstehe ich ihn recht, daß für die Güteklasse I das Obst einfach nicht so gut sein dürfte?
Ja, so kann man es nennen, bestätigt er.
W.H.W

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Mittwoch, 31. Januar 2007

Das Amt als Zuhälter

Es ist nun doch geschehen.
Seinerzeit, als die damalige Bundesregierung Prostitution zum normalen Beruf hatte erklären lassen und das grundgesetzliche Recht auf freie Berufswahl für Arbeitslose außer Kraft gesetzt hatte, hieß es, die Arbeitsämter (oder wie immer sie da gerade hießen) seien zwar berechtigt, arbeitslose Frauen zur Prostitution zu verpflichten, wollten das aber nicht tun.
Nun erfahre ich, fernab aller Schlagzeilen, durch den Leserbrief eines Berliner «Streetworkers» in der tageszeitung, daß mittlerweile durchaus Frauen amtlich dazu genötigt werden.
W.H.W

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Dienstag, 6. Februar 2007

Terror gegen den Terror

Seit langem ist Pakistan unter Druck, so liest man in den Zeitungen, das Eindringen von Terroristen nach Afghanistan zu unterbinden.
Nun lese ich, fernab aller Schlagzeilen, der pakistanische Präsident habe nun eine Ankündigung wiederholt, er wolle die Grenze mit einem Zaun oder mit Minen sperren.
Wenn ein Staatsmann sich nicht einordnet in jenen «Krieg gegen den Terror», bei dem noch kein Zusammenhang zwischen Namen und Sache zu erkennen war, wird er von den Westmächten unter Druck gesetzt. Wenn er aber das Gebiet eines Volkes, der Paschtunen, durch einen Sperrzaun trennen will entlang einer willkürlichen Grenze, die einst die Kolonialmacht gezogen hat, hört man keinen Protest (erinnert sich noch jemand, daß es solch ein Ding auch einmal in Deutschland gab?). Wenn er dort Minen zu legen droht, also viele tote und noch mehr verkrüppelte Menschen – darunter viele tote und verkrüppelte Kinder – in Kauf nimmt, hört man keinen Protest.
W.H.W

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Donnerstag, 15. Februar 2007

Sieg des gesunden Menschenverstandes

Seit Jahren geistern unter dem Rubrum «Pisa» die Klagen über die schlechten Leistungen deutscher Schüler durchs Land sowie seit Jahrzehnten gleiche Patentrezepte dagegen: Einheitsschule, Abschaffung des Frontalunterrichts ... Und immer wird den Lehrern die Schuld zugeteilt.
Ich kenne viele Lehrer, weiß, wie unerträglich überlastet sie sind. Und bemerke, daß auf das nächstliegende kaum jemand kommt: daß die neudeutsche Mißachtung von Schule und Lehrern das Interesse der Schüler beschädigt und die Arbeit der Schule beeinträchtigt.
Und nun: auf der Bildungsseite der tageszeitung ein großer Artikel (von Michael Velten), in dem endlich zu lesen ist, daß es «wesentlich darauf an[kommt], inwieweit Lernen gesamtgesellschaftlich mit Wertschätzung bedacht wird», in dem zugestanden wird, daß die Einheitsschule die Probleme nicht löst, in dem einem «aufgeklärten Frontalunterricht» die Rehabilitation zuerkannt wird.
Darf man es nun wieder sagen? Der pädagogischen Mode gelingt es nicht, den Frontalunterricht ganz zu verdrängen, einfach weil er – von einem guten Lehrer durchgeführt – eine sehr wirksame und zudem von den Schülern geschätzte Methode ist.
Ich darf beim gesunden Menschenverstand bleiben, brauche nicht zu glauben, daß jene Unterrichtsform schlecht sei, auf die gute Lehrer ständig zurückgreifen, ebensowenig wie ich glauben muß, daß Margarine vor Infarkten schütze oder daß der Freie Markt irgend etwas Gutes bringe.
W.H.W

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Freitag, 23., und Mittwoch, 28. Februar 2007

Datenschutz als absurdes Spektakel

Die Psychotherapeutenkammer teilt mir mit, daß ich dringend den Einkommensnachweis für 2004 einreichen muß: «Bitte teilen Sie uns Ihr Einkommen auf jeden Fall mit, auch dann, wenn sich dieses im Vergleich zum Vorjahr nicht geändert hat. ... zum anderen, weil wir die eingereichten Nachweise aus Datenschutzgründen vernichten müssen. Wir können also nicht, auch wenn wir wollten, auf vorangegangene Nachweise zurückgreifen.»
Welch ein Datenschutz! Die Daten, deren Mitteilung die Kammer dem Gesetz nach fordern darf und muß, darf sie nicht behalten; Dokumentation und Archivführung werden unterbunden.
Einige Tage vorher habe ich in der tageszeitung gelesen, daß eine Selbstverpflichtung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, bis zum Jahr 2011 Patienten nicht zu einem Gentest zu verpflichten, die einzige Rechtsgrundlage dafür ist, daß privat Krankenversicherte nicht verpflichtet sind, Gendefekte der Versicherung mitzuteilen.
Welch ein Datenschutz! Intimste Daten, Dinge, die klugerweise man nicht einmal selbst erfahren will, müssen der Versicherung bald mitgeteilt werden, wenn die es dann nur will – und der Prozeß, der zu dieser Zeitungsnachricht geführt hat, zeigt, daß sie es dann wohl in der Tat wird wissen wollen.
Eine private Krankenversicherung ist kein Luxus, sie war bisher für viele die einzige Möglichkeit, krankenversichert zu sein, und wird es weiterhin sein.
W.H.W

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Orietur Occidens

Sonntag, 11., und Dienstag, 13. März 2007

Wohin kann der Bundesbürger fahren?

Die Bundesregierung, erfahre ich, plant eine Fahrt zum Mond für das Jahr 2013.
Kurz darauf lese ich, daß der Verkehrsverbund des Ruhrgebiets droht, etliche Bahnstrecken einzusparen, unter anderem nach Dorsten, meiner Heimatstadt. • WAZ aktuell •
Unser Land hat also Geld, zum Mond zu fliegen, nicht aber, nach Dorsten zu fahren.
W.H.W

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Orietur Occidens

Dienstag, 13. März 2007

Wirtschaftsgerechte Entsorgung von Kleinstkindern

«Einvernehmliche Unterstützung» hat die Führungsspitze ihrer Partei den Vorstellungen der Familienministerin zum Ausbau von Krippenplätzen zugesagt.
Das ist ihr sicher um so leichter gefallen, als vom selben Tag die Nachricht stammt, daß die jüngst freigegebenen abendlichen Öffnungszeiten der meisten Kaufhäuser norddeutscher Städte wegen mangelnder Nachfrage wieder ein wenig verringert werden. So brauchen auch donnerstags und freitags die Krippen zur wirtschaftsgerechten Entsorgung von Kleinstkindern nur bis kurz nach neun Uhr offenzubleiben – das spart Geld!
W.H.W

• Reden Sie mit! •
Orietur Occidens

Dienstag, 13. März 2007

Der Vatikan und die Befreiungstheologie
oder: Die Stimme der Linken und die Wahrheit

Wieder werde eine der Stimmen der Befreiungstheologie «aus Rom gedeckelt», erfahre ich aus der tageszeitung — im Vorgriff auf eine Nachricht vom kommenden Donnerstag; und es werden gleich noch Namen genannt von anderen, die «Bekanntschaft damit gemacht» hätten, «was der Vatikan davon hält, Christentum und Revolution als denkbare Einheit zu sehen».
Ich sehe nach, was der Vatikan dazu sagt.
Eine Bekanntmachung zu diesem Thema ist längst schon im Netz. Dort liest es sich allerdings anders: «Trotz der schätzenswerten Sorge, die der Autor in seinen Schriften für die Lage der Armen zeigt, sieht sich die Kongregation für die Glaubenslehre deshalb gezwungen, zu erklären, daß die obengenannten Werke von P. Sobrino in einigen Passagen beträchtliche Abweichungen vom Glauben der Kirche darbieten»
Dann folgt eine lange, sorgsame Untersuchung zweier Werke von P. Sobrino – und dazu wird noch erklärt: «Die Kongregation beansprucht nicht, über die subjektiven Absichten des Autors zu richten». • Lesen Sie selbst! •
W.H.W
Ich würde zwar zugestehen, dass man inhaltlich erst einmal nichts gegen die Notificatio gegen die beiden christologischen Bücher von Jon Sobrino sagen kann. Die Zitate, die die Noticatio aus den beiden Büchern herausgegriffen hat, sind im Lichte der Trinitätstheologie der Ökumenischen Konzilien tatsächlich bedenklich. Aber (1) müsste ich, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden, erst einmal die beiden Werke von Sobrino lesen, und (2) ist so eine Notificatio auch ein kirchenpolitischer Text.
Und da habe ich meine Bedenken: Die Noticatio richtet sich zwar gegen die beiden Werke Sobrinos insgesamt, geht aber mit keinem Wort auf die Grundthesen dieser Bücher ein. Wenn die Kongregation schon schreibt, dass sie nicht über die "subjektiven Absichten des Autors richten will", dann sollte sie auch sagen, welche Auswirkungen ihre Kritik an den zitierten Textauszügen auf die Grundaussagen der beiden Bücher hat. Sonst ist kein Wunder, wenn der Text von der Presse (und nicht nur der taz) als Angriff auf die Theologie der Befreiung interpretiert wird.
Wenn ich dazu noch den kirchenpolitischen Kontext betrachte, etwa die Art und Weise wie die Kurie seit den siebziger Jahren mit den Befreiungstheologen umgegangen ist, dann werden meine Bedenken noch größer. Dann ensteht der Verdacht, dass die Noticiatio kirchenpolitisch bewusst als Angriff auf die Befreiungstheologie gedacht ist, aber so geschickt gemacht ist, dass er eine Auseinandersetzung mit den befreiungstheologischen Grundthesen Jon Sobrinos vermeidet und sich stattdessen auf Aspekte stützt, wo Sobrino nur verlieren kann. Und Fehler bei der Darstellung der Idiomenkommunikation hat Sobrino selbst bereits im Vorfeld der Noticiatio eingeräumt.
Und die beiden Zitate, die du aus der Notificatio anführst, erscheinen mir da als bloße Rhetorik. Denn es geht Sobrino nicht nur um eine "schätzenswerte Sorge" für die Armen oder sonst irgendeine "subjektive Absicht", sondern um die Frage, wie die Aussage von Jeremia 22,16 theologisch ernst genommen werden kann.
Und auch wenn Sobrinos Antwort falsch sein mag (nicht einmal das sagt die Notificatio, denn die beanstandeten Passagen können ja für die Antwort Sobrinos auf diese Frage unerheblich sein), die Notificatio bleibt eine Antwort auf diese Frage nicht nur schuldig, sondern lenkt den Blick weg von dieser Kernfrage der Theologie Sobrinos.
S.g
Zugegeben: ich habe letztlich keine Gewißheit, daß die Kongregation bei - sagen wir einmal - einem deutschen Hauptstromtheologieprofessor ebenso streng gewesen wäre wie bei Sobrino.
Inhaltlich jedoch gebe ich der Notificatio Recht, auch wenn mir an einigen Stellen ihre Argumentation etwas haarspalterisch erscheint. Aber Sobrino erweckt ja offen den Eindruck der Doppelbödigkeit durch die Art, wie er die frühen ökumenischen Konzilien einerseits anerkennt, andererseits abwertet. Das macht mißtrauisch, rechtfertigt es in meinen Augen, seine Ausführungen übergenau zu mustern.
Und dabei eben ist die Kongregation fündig geworden. Einen hohen Rang hat für mich das Prinzip, das ich, wohl vom jetzigen Papst, in der Formulierung Logos vor Ethos kenne. Deshalb überzeugt mich gerade der I. Artikel der Notificatio, der zeigt, daß Sobrino von diesem Prinzip ausdrücklich abweicht. Und dieses Prinzips wegen kann eine noch so wichtige moralische Aussage nicht relevant sein, wenn es um Christologie im eigentlichen Sinne geht.
W.H.W

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Da ich bei dieser Recherche den Text des Vatikan aus dem Netz in eine eigene Datei übertrage, sehe ich, daß im Italienischen mein Rechtschreibprogramm den Namen «Gesù» nicht kennt.
W.H.W

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