Die Kirche und
ihr Gottesdienst

 • Das Kirchengebäude •
E&E 21 S.15-18 2016 
Wilfried Hasselberg-Weyandt

Domus Domini
Das Kirchengebäude

Die Kirche: der besondere Ort

Der Eindruck einer Kirche ist unverwechselbar. In unseren Regionen fällt sie meistens schon durch den Kirchturm auf; aber auch wo ein solcher fehlt: man erkennt jede Kirche als Kirche. Ihre Gestalt ist bestimmt durch den großen zentralen Raum, das Kirchenschiff. Aber solch einen Raum haben auch andere Gebäude: Theater, ältere Bahnhöfe – doch wird kaum jemand je solch ein Bauwerk mit einer Kirche verwechseln. Selbst Moscheen und (zumindest ältere) Synagogen sind von anderer Art. Die Kirche folgt einer besonderen architektonischen Formensprache, einer Formensprache, die, wenn auch gleichsam in verschiedenen Dialekten, im ganzen christlichen Raum zu finden ist. Auch eine armenische Kirche erkennt der Mitteleuropäer sogleich als Kirche.

Die Kirche in Einheit mit allen Kirchen

Das Wort «Kirche» kommt von «Kyriáke – dem Herrn gehörig». Dadurch, daß sie das sind, sind alle Kirchen vereint.
Darum liebte es die alte Kirche, eine Kirche nicht für sich allein stehen zu lassen. Das Vorbild ist Jerusalem, wo zum Martyrion, der großen Basilika, die Anastasis trat, die Grabesrotunde.
In der Folge zeigte sich diese Einheit durch Doppelkirchen und durch Kirchfamilien, von denen einige bis heute bewahrt sind (in Deutschland etwa die Paare von Kirchen in Trier, in Erfurt, in Halberstadt). Im Mittelalter waren es dann Seitenkapellen und der Kapellenkranz des Chorumgangs.
All diese Kapellen sind im kleinen, was die ganze Kirche im großen ist: Ort einer anderen Welt, der Stille, der Ruhe, der Begegnung.

Die Kirche: Ort einer anderen Welt

Solch eine Kirche hat mit ihrer Form, die tief in unserer Kultur wurzelt, eine Aussage, die wohl jeden Menschen dieser Kultur berührt. Zur Architektur tritt die Ausstattung der Kirche, oft großartige Kunstwerke, oft reich, manchmal überreich in orthodoxen Kirchen, in Barockkirchen. In alten Kirchen ist gelegentlich noch die reiche Ausmalung des Mittelalters erhalten, manchmal sind sie gar noch mit Mosaiken ausgeschmückt. Aber es gibt auch Kirchen, armenische Kirchen, Zisterzienserkirchen, andere mittelalterliche Kirchen, deren Ausmalung dem Wechsel der Zeiten zum Opfer gefallen ist, die fast nur durch ihre Architektur sprechen; und deren Ausdruck ist keineswegs weniger intensiv.
Hier gelten andere Gesetze als die des Alltags, die sich in den Formen des Gebäudes und im Verhalten der Menschen zeigen; hier findet man sich in einer anderen Welt wieder. Hier weiß sich der Gläubige in einer besonderen Weise zu verhalten.
Der Christ des byzantinischen Ritus bekreuzigt und verneigt sich tief, die rechte Hand bis zum Boden gestreckt, schon vor der Kirchentür; in der Kirche wiederholt er, zum Altar gewandt, diese Geste – die Metanie (metánoia) – dreimal. Dann begrüßt er auf ähnliche Weise die Ikonen des Herrn, der Gottesmutter und der Heiligen. Und mit drei Kreuzzeichen wird er schließlich die Kirche wieder verlassen.
Der westliche Katholik nimmt Weihwasser, bekreuzigt sich damit. Das wird er wiederholen, wenn er die Kirche wieder verläßt. Niemals geht er achtlos, geht er schräg vorm Altar vorbei – er geht durch den Mittelgang, kniet dabei stets, an der vordersten Stelle des Weges, vorm Altar nieder – und selbstverständlich auch vorm Tabernakel, wenn dieses nicht auf dem Hochaltar ist. Und er nimmt sich eine Zeit knieenden Gebets.
Aber auch der glaubensferne Mensch wird in der Kirche Respekt verspüren, eine besondere Atmosphäre erleben, zurückhaltend werden in Bewegung und Reden.
Woher solch besonderer Eindruck, solch besondere Stimmung? Wer mystischen Sinn hat, wird an all die Gottesdienste denken, die in dieser Kirche schon gefeiert wurden, an all die Gebete, die in ihr gebetet wurden. Wer es rein sachlich von außen zu betrachten sucht, wird im Zusammenklang des architektonischen Ausdrucks, der Ausstrahlung des besonderen Verhaltens der Menschen in der Kirche und der Erfahrungen des Einzelnen in Gebet und Gottesdienst den Schlüssel dazu sehen.
Dieser Ort ist heilig. Gebet und Gottesdienst heiligen den Raum, die Heiligkeit des Raums heiligt das, was in ihr stattfindet, verleiht Gebet und Gottesdienst besondere Intensität.

Die Kirche: Ort der Stille

Wer in die Kirche eintritt, wird still, alles Laute erscheint unangemessen. Natürlich ist es nicht immer leise: in den Gottesdiensten gibt es Musik, Orgelspiel, Gesang, gelegentlich kann auch ein großes Orchester spielen. Doch aller Lärm, alles Geräuschhafte bleibt draußen; auch die Kirchenmusik entspricht in ihrem Charakter der Stille, wie groß ihre Lautstärke auch in physischem Sinne sein mag.

Die Kirche: Ort der Ruhe

In diesem Raum findet der Mensch Ruhe. Es ist keineswegs die Ruhe des Nachtschlafs; es ist eine wache Ruhe, eine Abkehr von der Geschäftigkeit der Straße, von den Bemühungen des Alltags. Der Sinn wird hier frei für die Hinwendung zu dem, was wesentlich ist. Für den glaubensfernen Menschen ein Ort der Besinnung auf das, was ihn wirklich berührt, auch zur Betrachtung der Schönheit, die ihn hier umgibt. Für den Gläubigen ist er das nicht minder, doch ist er für ihn mehr: der Raum hat, die Kunstwerke haben eine Bedeutung, die er sieht, versteht; in seiner Betrachtung begibt er sich in jene Welt hinein, von der sie zeugen.

Die Kirche: Ort der Begegnung

Eine Kirche ist ein öffentlicher Ort; jeder kann hineingehen, dort beten oder auch nur seinen Gedanken nachgehen, sie betrachten, sie besichtigen. Und zugleich ist sie der privateste Ort. Der Gläubige begegnet hier in ganz besonderer Weise seinem Herrn; sein Gebet, seine Teilnahme am Gottesdienst ist zutiefst persönliche Begegnung mit dem, der «mir näher ist als ich selber» (Augustinus; eigentlich: «Tu interior intimis meis – Du bist inwendiger als mein Innerstes», Enarrationes in Psalmos, in psalmum 118, Sermo 22, 6).
Hier ist der Gläubige angekommen, er ist am Ziel.

Orietur Occidens